 Ab in die Türkei

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|  Illustration: Michaela Müller
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Ich werde noch wahnsinnig.
Die Zeit, die sonst rennt, vergeht nicht.
Langsam, langsam tröpfelt sie aus meiner Uhr. Immer zwei Wochen lang warten bis zur nächsten Infusion – achtmal insgesamt – das halte ich nicht aus. Lichtjahre scheinen vergangen zu sein, und doch habe ich bisher nur den ersten meiner insgesamt acht mit Zahlen versehener Zettel durchkreuzen können, die ich mir an meine Wendeltreppe gehängt habe. Geduld ist wirklich nicht meine Stärke.
Ich könnte heulen. Meine Träume von den beiden Türkeimonaten und der großen Australienreise liegen in Scherben vor mir. Festgenagelt in Köln, eingezwängt in einen Zwei-Wochen-Rhythmus. Warten, immer nur warten, und zwischen den beiden Zyklen passiert nichts, außer, dass ich mir eine Spritze gebe, Tabletten einnehme und einmal wöchentlich zur Blutkontrolle muss. Und in der zweiten Woche geht es mir sogar körperlich einigermaßen gut. Ich grübele und grübele, wie ich aus den Depressionen und meiner Traurigkeit herauskomme und wie ich die Zeit verkürzen und besser nutzen kann. Ich brauche positive Impulse, brauche Ziele, und langsam reift in mir ein Plan. Eine plötzliche Idee und ein Anruf in der Klinik führen mich weiter: Reisen ist erlaubt, aber bitte weiterhin wöchentliche Blutkontrolle und die Ergebnisse per Fax an die Klinik senden.
Weiß nicht jeder, dass eine positive Grundeinstellung den Heilungsprozess beeinflussen kann? Und dass Sonne und Wärme sich angenehm auf die Psyche auswirken? Ein kurzer Türkeitrip scheint mir genau das Richtige zu sein und medizinisch gesehen ganz bestimmt notwendig. Zehn Minuten später ist der Flug gebucht.
In Hochstimmung verkünde ich meine Reiseabsicht den Erstbesten
und lese in den Augen ungläubiges Staunen und den Gedanken:
„Jetzt ist sie vollkommen verrückt geworden!“ Ich muss mich rechtfertigen,
weil ich offensichtlich überaus leichtsinnig bin. Es sei
ganz und gar ausgeschlossen, dass ich alleine in meinem Häuschen
in der Türkei sei, dass sich niemand um mich kümmern könne und
was nicht alles passieren kann. Kochen und Einkaufen sei anstrengend
und alleine der Flug nach Izmir mit der anschließenden dreistündigen
Autofahrt – völlig unmöglich!
Nach dieser Erfahrung beschließe ich, mein Reiseziel in meiner
nächsten Rundmail vorsichtshalber gar nicht erst zu erwähnen. Ich
bin sowieso absolut entschlossen, diese Reise anzutreten.
Dann treffe ich die notwendigen Vorbereitungen: das Auto im
Internet buchen, nach einem Deutsch sprechenden Arzt forschen
und / oder eine Klinik finden, in der Deutsch gesprochen wird –
aber notfalls geht ja auch alles in Englisch. Weiterhin besorge ich
mir für den Flughafenaufenthalt und für den Flug einen Mund-
schutz. Zum Zeitpunkt des Fluges, das kann ich mir schon jetzt ausrechnen, sind meine Leukozyten gerade in der Nähe des Tiefpunktes
und meine Abwehrkräfte ziemlich geschwächt. Gehen wir mal
davon aus, dass der Mundschutz einen gewissen Schutz bietet.
Außerdem soll mir niemand vorwerfen können, ich sei leichtfertig
gewesen.
Am Abend vor dem Abflug werde ich nun selber auch unruhig: Habe
ich mir nicht doch zuviel zugemutet? Geht das alles gut? Was nicht
alles passieren kann! Ich muss unbedingt pünktlich wieder zurück
sein, denn gleich am nächsten Tag muss ich wieder an die Nadel.
Wenn nun die Piloten streiken, ein Unwetter Fliegen unmöglich
macht, Kerosin mit Benzin verwechselt wird und deshalb kein Flugzeug
mehr starten kann?
Mein gesunder Optimismus siegt, und morgens um halb fünf bin ich
auf dem Weg zum Flughafen. Vor dem Eingang lege ich den Mundschutz
an. Nach dem Einchecken setze ich mich in eine Ecke, so
unauffällig man es mit einem riesigen weißen Tuch vor dem Mund
nur sein kann. Einige wenige Leute gucken neugierig, dem Großteil
scheint es zum Glück völlig egal zu sein.
Als eine der Ersten besteige ich die Maschine, setze mich schnell
auf meinen Fensterplatz, starre angestrengt raus in die Dunkelheit
und drehe meinen mit Mundschutz versehenen Kopf erst dann wieder,
nachdem alle Leute ihre Plätze eingenommen haben.
Als wir starten und nichts mehr rückgängig zu machen ist, überkommt
mich ein nie gekanntes Glücksgefühl. Leise, ganz leise laufen Tränen
unaufhaltsam in meinen Mundschutz. Ein Sieg. Und was für ein
Sieg! Über Mr. Tumor, über alle Zweifler, über meine Ängste, über
die Chemotherapie. Ich weine vor Glück. Und vor Stolz.
Auch als eine der Ersten verlasse ich nach gut drei Stunden wieder
die Maschine, und auf den ersten Schritten der Gangway stellt sich
das Glücksgefühl schon wieder ein. Vielleicht haben es ein paar
Leute gesehen und sich gewundert, wie ich mit Mundschutz und
hochgereckter „Beckerfaust“ ein aus tiefstem Herzen kommendes
„Ja-ha!“ ausstieß. Ich habe es geschafft. Ich habe es tatsächlich
geschafft. Und draußen umhüllen mich Sonne und 20 Grad Wärme.
Aus: Der Feind in meiner Brust (Alexandra von Stein)


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